Wie ist die Wirkungsweise von Niem?

Von Bruce Marlin – Own work http://www.cirrusimage.com/beetles_japanese.htm, CC BY 3.0

Amerikanische Wissenschaftler haben folgenden Versuch unternommen.

Einer der größten Schädlinge in Amerika ist der Japan-Käfer. Den gefrässigen Viechern wurde eine Ihrer Lieblingsspeise, die Blätter von Sojabohnenpflanzen angeboten. Eine Hälfte der Pflanzen war unbehandelt, die andere Hälfte wurde mit Niem eingesprüht. In kurzer Zeit waren die unbehandelten Blätter aufgefressen, die mit Niem besprühten dagegen wurden nicht angerührt. Die Käfer wollten also eher verhungern, bevor sie die mit Niem behandelte Blätter fressen.

Warum auch immer, scheinen einige Insektenarten zu ahnen, welche Gefahren vom Niem für sie ausgehen. Die gefährliche Wanderheuschrecke meidet grundsätzlich den Niembaum. Sie meidet auch Pflanzen die mit Niem besprüht worden sind. Forscher behaupten, dass die Heuschrecken an ihrem Mundwerkzeug ein eigenes Sinnesorgan haben, mit dem sie die Wirkstoffe von Niem identifizieren können. Die Wirkungsweise von Niem scheint ca. 14 Tage, je nach Witterung, anzuhalten, denn danach greifen die Heuschrecken wieder zu.

Pflanzen wehren sich mit verschiedenen Waffen gegen ihre Fressfeinde. Sie setzen bei Berührung Gifte frei, stechen mit Dornen oder produzieren andere Abwehrstoffe oder Verhaltensweisen.

Die Natur ist hier ausgesprochen erfinderisch.

Die in Niemprodukten enthaltenen wichtigsten Inhaltsstoffe wurden auf der vorangegangenen Seite bereits beschrieben.

Wissenschafter wiesen bei über 400 Insektenarten die Wirksamkeit von Niem nach. Ebenso wurden gute Ergebnisse bei einigen Milbenarten, Fadenwürmer, Pilzen und Bakterien erzielt.

Wir haben gelernt, dass viele Insektenarten mit Niem behandelte Pflanzen von Hause aus meiden. Was passiert aber nun mit Schädlingen, die sich nicht davon abhalten lassen, mit Niem behandeltes Pflanzenmaterial zu fressen.

Bei der Nahrungsaufnahme gelangen unweigerlich die Niemsubstanzen in den Organismus und bewirken dort drastische Veränderungen.

Niem bewirkt eine Verzögerung des Wachstums und stört die weitere Entwicklung. Das geht sogar bis zur Fortpflanzungsunfähigkeit.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass indische Wissenschafter eine spermienabtötende Wrkung nachgewiesen haben. Soldaten der Armee mussten dazu herhalten, Präparate mit Niem in großem Umfang zu testen. Anscheinend waren die Tests so erfolgreich, dass in Indien dieses Präparat unter dem Namen „Sensal“ erhältlich ist.

Das Kauen einer Handvoll Niemblätter soll bei Frauen einer ungewollten Schwangerschaft vorbeugen.

Anhand dieser Beispiele sieht man, welche nicht ungefährliche Konsequenzen die Einnahme von Niemprodukten haben können. Dazu kommt noch, dass einwandfreie und nach Lebensmittelrecht geprüfte Niempräparate gar nicht erhältlich, bzw. in der EU nicht zugelassen sind.

Zurück zu den Insekten.

Mit dem Ausschlüpfen aus dem Ei startet die Entwicklung des Insekts. Während des Wachstums der Larve erfolgen mehrere Häutungen, da sich die äußere Haut nicht dehnen kann. Also bildet sich unter der äußeren, alten Haut eine neue, größere Hautschicht. Die alte Haut wird abgestreift. Dieser Vorgang wiederholt sich bei Insekten wie z. B. Wanzen und Läusen mehrfach.

Bei anderen Insekten wie z. B. Mücken, Flöhe oder Fliegen verpuppt sich die Larve und die Umwandlung erfolgt letztlich in einem Schritt.

In beiden Fällen steuert das Ecdyson diesen Entwicklungsvorgang. Ecdyson ist ein Hormon, welches häufig bei Tieren anzutreffen ist und bei Insekten oder z. B. Spinnen für die Häutung zuständig ist.

Der in Niem enthaltene Wirkstoff Azadirachtin bewirkt, dass sich die Ecdyson Produktion soweit verringert, bis eine Häutung nicht mehr möglich ist. Die Freisetzung des Hormons Ecdyson wird als Folge davon eingestellt und die die Larven sterben oder bleiben in Ihrem Entwicklungsstadium stecken.

Resistenzbildung

Wie allgemein bekannt sein dürfte, stellt sich bei vielen synthetisch hergestellten Pflanzenschutzmittel mit der Zeit eine gewisse Resistenz bei den Schädlingen ein. Viele Insekten werden mit der Zeit unempfindlich gegen die einst wirksamen Pestizide. Durch genetische Veränderungen passen sich die Schädlinge den Pestiziden an und entwickeln eine deutlich geringere Empfindlichkeit gegenüber häufig angewandter Pflanzenschutzmittel. Die überlebenden Insekten pflanzen sich weiterhin fort und es entsteht eine völlig neue Generation pestizidresistenter Schädlinge.

Die Vielzahl der in Niem enthaltenen Wirkstoffe erschwert signifikant den schnellen Aufbau einer Immunität gegenüber Niem. Deswegen ist von Pflanzenschutzmitteln, die allein mit dem Wirkstoff Azadirachtin angereichert sind eher abzuraten. Abgesehen davon sind diese Pflanzenschutzmittel unverschämt teuer und können sich mit der Wirksamkeit von reinen Niemprodukten in keinster Weise messen.

Untersuchungen ergaben, dass Kohlmotten selbst in der 35. Nachfolgegeneration genau so allergisch gegen Niem reagierten wie die Ursprungsgeneration.

Welcher Niemwirkstoff nun genau dafür verantwortlich ist, der einen erheblicher Einfluss auf die Vitalität bereits erwachsener Tiere ausübt, ist nicht genau bekannt. Fest steht, mit Niem infizierte Insekten fliegen kaum oder gar nicht mehr und finden dadurch deutlich weniger Paarungspartner. Sollte die Suche dennoch von Erfolg gekrönt sein, legen die Weibchen deutlich weniger oder sogar gar keine Eier mehr. Somit wird die Wahrscheinlichkeit einer Fortpflanzung resistenter Insekten deutlich geringer.

Niem schützt die Nützlinge

Niem sollte für Nützlinge wie Wespen, Bienen, Schmetterlinge usw. völlig ungefährlich sein. Verantwortungsvoller Umgang mit Niem vorausgesetzt. Wenn Sie sicher sein wollen, dass Sie Bienen nicht schädigen, behandeln Sie blühende Pflanzen mit der vorgeschlagenen geringen Dosierung und besprühen lediglich die Blätter nicht die Blüten.

Niem kann sogar den Zustand von einigen Nützlingen verbessern. In Pflanzenerde, die mit Niempulver oder Niempellets gedüngt werden, entwickeln sich Würmer deutlich besser als in unbehandelter Erde. Beim Obst- und Weinanbau hat sich folgende Maßnahme besonders gut bewehrt. Während auf den Bäumen oder Rebstöcken die Früchte heranreifen, entwickeln sich im Boden die ungebetenen Plagegeister. Wird bei der Bodenwässerung dem Wasser Niemöl zugesetzt, oder mit einer Jauche aus Niempulver gegossen, kann das Schlüpfen und Ausschwärmen der Schädlinge sogar gänzlich verhindert werden.